Die Fotoarbeiten, die Patricia Lincke von den Orten ihrer Streifzüge durch Deutschlands Wohnlandschaft anfertigt, sind menschenleer und zeugen
doch detailreich von deren Anwesenheit.
Der Blick auf und in die Fenster deutscher Städte und Vororte hält sich nicht an der Oberfläche auf, sondern sucht in der Konzentration auf die
Details nach dem Lebensgefühl hinter der Fassade. Die dekorierten Fenster sind die Repräsentanten der dahinter wohnenden Menschen, sind
Zeugnis des nach außen dargestellten Selbstbildnisses und bemühen sich um Individualität. In ihrer dargestellten Gesamtheit wird klar, dass es
sich um die Dokumentation einer konformen Gesellschaft handelt. Durch die präsentierte künstliche Anhäufung von Einblicken in Fenster fühlt
sich auch der Betrachter merkwürdig ungemütlich und eben selbst als mögliches Objekt der Observation.

Als wichtigstes Merkmal an den Einblicken in eine Wohnform, die zeitlos zu sein scheint, ist - neben der ausgeprägten Liebe der Bewohner für
Geometrik - die Gardine zu nennen. Sie mutiert hier trist zu Gitterstäben, hält eine dubiose Beschaulichkeit fest, gibt Anlass zu Spekulationen und
verschleiert kunstvoll das Portrait unserer Gesellschaft.
Sie ist die Barriere zwischen Bewohner und Betrachter, verheimlicht, sperrt aus, grenzt ab und dient paradoxerweise doch gleichzeitig als Blickfang.
Die originalgetreue großen Abzüge „spiegeln“ nicht nur eine vermeintlich Idylle wieder, sondern verwirren den Betrachter durch das mitfotografierte
Gegenüber, und geben ihm einem Vexierbild gleich, das Gefühl mittendrin zu sein.

Die digital bearbeiteten Fotografien weisen sowohl in die Gegenwart (Jörg Sasse), als auch in die kunsthistorische Vergangenheit. Der Fotograf
Eugène Atget hat in seinen dokumentarischen Streifzügen durch das Paris des anbrechenden 20. Jahrhunderts einen ähnlichen Effekt erzielt wie
Patricia Lincke in ihren Einblicken. Nicht nur die Annäherungsweise des Flaneurs an sein Motiv, auch die Spiegelung der Umgebung in den
menschenleeren Schaufenstern und Auslagen weisen eine Parallele auf.
Der eingesetzte digitale Aquarelleffekt schlägt eine Brücke zu Alten Meistern und unterstreicht deren bevorzugten künstlerischen Motive und Stile
des Bürgertums. Der Blick in die deutsche Alltagskultur von heutigen "Kostbarkeiten" als Repräsentant der Selbstdarstellung ist nicht ohne Poesie
und erinnert an die Bedeutung der holländischen Stillebenmalerei des 17. Jahrhunderts. Die in diesen Gemälden dargestellten Objekte sollten den
Ruhm und das Ansehen der Auftraggeber wiederspiegeln.

 
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Patricia Lincke

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