Patricia Linckes Blick auf die Fenster unserer Zeitgenossen rührt uns seltsam an. Denn plötzlich fühlen wir uns in einen Strudel von Mutmaßungen hineingezogen: Diese traurig-komische Sammlung an Porzellanfigürchen, welches schlichte Herz hängt an solch billigem Kitsch? Und dort, die kümmerlichen Pflänzchen: Hier muss jemand wohnen, der einfach nichts Lebendiges wegwerfen kann! Wie bedrückend dagegen das schmucklose Fenster, die Scheibe ergraut vom Ruß der Autoabgase. Wer auch immer hier lebt, hat wohl den Kontakt zur Außenwelt längst abgebrochen ...

Die Fenster einer Wohnung, so ahnen wir, sind auch Fenster zur Seele – oder weniger metaphysisch ausgedrückt: Sie verraten uns viel über die Menschen, die dahinter ihr Leben verbringen. Zwar warnten Sozialpsychologen lange Zeit davor, aus Äußerlichkeiten vorschnelle Schlüsse über andere zu ziehen – allzu leicht, so ihr Einwand, würde man dabei simplen Klischees aufsitzen. Neuere psychologische Experimente beweisen jedoch, dass wir mit unseren Einschätzungen oft gar nicht so weit danebenliegen.
So hinterlässt nach Ansicht des Psychologen Samuel Gosling von der University of Texas jeder Mensch in seiner Umgebung zwangsläufig Fingerabdrücke seiner Persönlichkeit – Indizien, die andere durchaus zu deuten wissen. Jeder von uns sendet symbolische Signale jener Eigenschaften, die er bewusst nach außen kommunizieren will: „Identity claims“, Identitätsansprüche nennt der Persönlichkeitsforscher Gosling sie. Und was wäre geeigneter als ein Fenster, um seine Claims für die Nachbarn gut sichtbar abzustecken? Schaut her, was für ein moderner, kultivierter, was für ein kreativer Mensch ich bin! Bleibt die Frage, ob es sich um ehrliche Botschaften, Wunschgedanken oder Täuschung handelt: Wer vermag schon zu sagen, welch dunkle Gedanken die schneeweißen Gardinen tarnen sollen, welch zwanghafter Geist hinter akkurat gefalteten Stores gegen das private Chaos ankämpft?
Mehr Wahrheit bergen „Verhaltensspuren“, die „Behavioral Residues“. Sie stellen zufällige Überbleibsel der Lebensführung dar: Achtlos auf der Fensterbank abgelegte CDs künden zuverlässig davon, dass ihr Besitzer a.) gern Musik hört und b.) nicht gerade ein Ordnungsfanatiker ist. Nicht umsonst fahnden Kommissare nach den Spuren, die ein Mörder unabsichtlich hinterließ. Doch was, wenn „Fingerabdrücke“ gänzlich fehlen? Grübelnd stehen wir vor den verhüllten Fenstern, die Patricia Lincke unter der Überschrift „offene Geschlossenheit“ dokumentiert. Fast nehmen wir es übel, wenn die persönliche Note ganz fehlt: Verweigert uns da jemand etwa absichtlich die Auskunft über sich? Freilich werden wir daraus erst recht unsere Schlüsse ziehen …

Katja Gaschler ist stellv. Chefredakteurin bei Gehirn&Geist – dem Magazin für Psychologie und Hirnforschung.

 
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