Ich in Schwarz. Ich in Rot. Ich in Gold.

Nur der Titel gibt Aufschluss darüber, dass es sich bei dieser Arbeit um eine Form des Selbstporträts handelt. Patricia Lincke verweigert dem Betrachter allerdings den für das Genre typischen Blick auf Gesicht oder Körper. Erst der Titel des dritten Teils, „Ich in Gold“, verrät, dass hier nicht Haarfarben, sondern vielmehr die deutschen Nationalfarben aufgerufen werden. Das nur metaphorisch in Form der künstlichen Haarteile vorhandene „Ich“
erscheint fest eingebettet in das schwarz-rot-goldene Futter, geborgen und zugleich eingeengt, ja beinahe erstickt von den mehrfach um den Kopf gewundenen Gardinen – ein bei Lincke leitmotivisch wiederkehrendes Attribut deutscher Gemütlichkeit. Diese Stoffe waren früher gängiger Bestandteil von Aussteuerkisten und garantieren Heimeligkeit und Schutz vor von außen eindringenden Blicken. So schmiegt sich das „Ich“ vielleicht gar nicht widerwillig, sondern ganz im Gegenteil wohlig in den
abgegrenzten Raum ein und zieht sich in diesen zurück? Andererseits kann der kreisrund drapierte Stoff, auch als Öffnung gelesen werden, durch die der Haarschopf heraus drängt und die das „Ich“ in drei Varianten gebiert.
Zur 2006 in Deutschland ausgetragenen Fußball-Weltmeisterschaft wurde das in Deutschland lange verpönte Tragen der Nationalfarben erstmals party- und medientauglich. Es symbolisiert die Zugehörigkeit zu einer Gemeinschaft, die wir uns in der Regel nicht aussuchen können. Vor diesem Hintergrund kann die Serie auch verstanden werden als Thematisierung der „Geburt eines neuen Nationalgefühls“ (Lincke).

Patricia Linckes „Ich in Schwarz. Ich in Rot. Ich in Gold“ repräsentiert hiermit keine bestimmte Persönlichkeit, sondern verhandelt das Ich als Teil eines Kollektivs. Mit unserer nationalen Identität fokussiert die Arbeit eine selten beleuchtete Facette der Persönlichkeit und stellt das „Deutsche“ an uns zur Debatte. Als Selbstporträt ohne Selbst stellt die seriell angelegte Fotoarbeit vielmehr eine konzeptuelle Auseinandersetzung mit der dem Genre inhärenten Frage nach Identität dar und bildet in ihrer Gesichtslosigkeit gleichzeitig einen Gegenentwurf zur „heutigen Allgegenwärtigkeit des Selbstporträts in den Massenmedien“ (W. Ullrich) sowie zu der in unserer Gesellschaft so dominanten Facialität.

                                                                                                                                                                                                                      Dr. Susanna C. Ott, 2017

Grenzen, vertraute Muster, Einblicke in den verborgenen Privatraum von Gardinen und Zäunen geschützt: Die Arbeiten von Patricia Lincke befassen sich wiederkehrend mit der Dialektik von Abgrenzung und Öffnung – auch gefasst unter dem Gedanken „Hüben und Drüben“. Wesentlich ist der bewusst gewählte Ausschnitt und damit der Einblick den die Künstlerin dem Betrachter gewährt: Die komponierte Zusammenstellung von Materialität, eine bodenlange Gardine vor einem Wall aus künstlichem Gras, davor eine Art Fußmatte die jedoch auf einen Kiesweg zurückschließen lässt. Eine Hecke als grüner Schutzraum für Gespräche über, oder mit dem Nachbarn, ein blonder Schopf – es ist jemand zuhause, jedoch nicht ansprechbar. Paul Watzlawick hat Heraklits Gedanken von der „Einheit in der Vielfalt“ der Dinge aufgegriffen und darauf hingewiesen, dass ein Zuviel des Guten stets ins Böse umschlage. Der Betrachter darf sich nun fragen, auf welcher Seite er sich befindet.    


Mit ihren Installationen konstruiert Patricia Lincke fein säuberlich mit wenigen Mitteln das Abbild häuslichen Bürgertums. Das Gefühl von geordneter Alltäglichkeit steht der Neugierde gegenüber, was mag sich hinter den sorgfältig arrangierten Schichten verbergen? Es ist dieser private Einblick, der Moment wie es auch bei Thomas Demand „Badezimmer“ (1997) zu finden ist, der stechend scharf die Abneigung und Neugierde zugleich schürt.

Die Verwendung des Gardinenstoffes ist bei Patricia Lincke ein wiederkehrendes und elementares Motiv: Die blumenverzierten Stickereien auf dem Stoff vermitteln ein lieb gemeintes aber dennoch massentaugliches Schutzschild gegen ungebetene Blicke.
Der durchlässige Stoff lässt jedoch erahnen, was sich hinter der Fassade abspielt. Im 17. Jahrhundert war dieses Stielmittel in der Malerei breit vertreten: Jan Vermeer vermittelte in seinen Gemälden durch einen zur Seite geschobenen Vorhang die Intimität einer häuslichen Stube. Der Gardinenstoff hängt bei Patricia Lincke jedoch nicht nur von der Stange herab. In ihren Filmen und Fotografien verfangen sich die Protagonisten regelrecht in ihm, ein hässliches Spiel nimmt seinen Lauf. René Magritte verhüllte seine „Liebenden“ (1928) ebenfalls kopfseitig mit einem Tuch. Sie scheinen sich zu küssen, gleichzeitig winden sich die Tücher wie Stricke um ihre Hälse. Die Ambivalenz der Gefühle spiegelt sich im Werk von Patricia Lincke wider und lässt ihre subtile Kritik an gesellschaftlichen Missständen deutlich werden.

 

Erinn Carstens. 2015

Fenster zur Seele

 

Patricia Linckes Blick auf die Fenster unserer Zeitgenossen rührt uns seltsam an. Denn plötzlich fühlen wir uns in einen Strudel von Mutmaßungen hineingezogen: Diese traurig-komische Sammlung an Porzellanfigürchen, welches schlichte Herz hängt an solch billigem Kitsch? Und dort, die kümmerlichen Pflänzchen: Hier muss jemand wohnen, der einfach nichts Lebendiges wegwerfen kann! Wie bedrückend dagegen das schmucklose Fenster, die Scheibe ergraut vom Ruß der Autoabgase. Wer auch immer hier lebt, hat wohl den Kontakt zur Außenwelt längst abgebrochen ...

Die Fenster einer Wohnung, so ahnen wir, sind auch Fenster zur Seele – oder weniger metaphysisch ausgedrückt: Sie verraten uns viel über die Menschen, die dahinter ihr Leben verbringen. Zwar warnten Sozialpsychologen lange Zeit davor, aus Äußerlichkeiten vorschnelle Schlüsse über andere zu ziehen – allzu leicht, so ihr Einwand, würde man dabei simplen Klischees aufsitzen. Neuere psychologische Experimente beweisen jedoch, dass wir mit unseren Einschätzungen oft gar nicht so weit danebenliegen.
So hinterlässt nach Ansicht des Psychologen Samuel Gosling von der University of Texas jeder Mensch in seiner Umgebung zwangsläufig Fingerabdrücke seiner Persönlichkeit – Indizien, die andere durchaus zu deuten wissen. Jeder von uns sendet symbolische Signale jener Eigenschaften, die er bewusst nach außen kommunizieren will: „Identity claims“, Identitätsansprüche nennt der Persönlichkeitsforscher Gosling sie. Und was wäre geeigneter als ein Fenster, um seine Claims für die Nachbarn gut sichtbar abzustecken? Schaut her, was für ein moderner, kultivierter, was für ein kreativer Mensch ich bin! Bleibt die Frage, ob es sich um ehrliche Botschaften, Wunschgedanken oder Täuschung handelt: Wer vermag schon zu sagen, welch dunkle Gedanken die schneeweißen Gardinen tarnen sollen, welch zwanghafter Geist hinter akkurat gefalteten Stores gegen das private Chaos ankämpft?
Mehr Wahrheit bergen „Verhaltensspuren“, die „Behavioral Residues“. Sie stellen zufällige Überbleibsel der Lebensführung dar: Achtlos auf der Fensterbank abgelegte CDs künden zuverlässig davon, dass ihr Besitzer a.) gern Musik hört und b.) nicht gerade ein Ordnungsfanatiker ist. Nicht umsonst fahnden Kommissare nach den Spuren, die ein Mörder unabsichtlich hinterließ. Doch was, wenn „Fingerabdrücke“ gänzlich fehlen? Grübelnd stehen wir vor den verhüllten Fenstern, die Patricia Lincke unter der Überschrift „offene Geschlossenheit“ dokumentiert. Fast nehmen wir es übel, wenn die persönliche Note ganz fehlt: Verweigert uns da jemand etwa absichtlich die Auskunft über sich? Freilich werden wir daraus erst recht unsere Schlüsse ziehen …

Katja Gaschler. 2012, Chefredakteurin bei Gehirn&Geist – dem Magazin für Psychologie und Hirnforschung.

verdeutscht

 

Die Fotoarbeiten verdeutscht von Patricia Lincke thematisieren weiterhin Fensterarrangements deutscher Bürgerlichkeit. Doch bilden sie gleichzeitig einen Neuanfang. Nicht mehr die Dokumentation existierender Fenster steht im Vordergrund, sondern die Verdichtung des Themas in der gezielten Komposition assoziationsstarker Einzelobjekte. Eng gedrängt stehen und hängen die Pretiosen, häusliche, subjektive Schätze auf der Fensterbank, umrankt und ergänzt von Pflanzen, vom Inneren des Raumes – streng getrennt durch die Gardine, als Zwitterbereich einer Inszenierung des Privatbereiches von Innen und Außen.

Zum ersten Mal scheinen die Besitzer dieser „Schau-Fenster“ jedoch sichtbar zu sein, eine Hand zeigt sich oder ein Gesicht. Doch bei genauerer Betrachtung entpuppen sie sich als gleichwertige Symbole der deutschen Bürgerlichkeit. Zu den reinen Präsentationsobjekten gesellen sich plötzlich die Gestalter des Fensters hinzu. Sie verlieren/verzichten auf ihre Anonymität, den Schutz der Gardinen und der Unpersönlichkeit. Die Menschen werden selbst zum Teil der Fensterbank. Die traumbehaftete, unheimlich anmutende Atmosphäre der Fotomontagen  lässt Parallelen zu den Fotografien der Surrealisten entstehen.  Das Maß an Konstruktion und Manipulation scheinbar unzusammenhängender Einzelelemente, lässt Assoziationen an die Atmosphäre der Welt von Man Ray oder Hans Bellmer aufkommen, wie auch an die skurrilen Sujets der Dora Maar, ihre Inszenierung, Fetischisierung und Metamorphosen.

 

Das Fenster könnte so existieren – oder auch nicht. Patricia Lincke verstärkt den künstlichen Charakter ihrer Fotografien in den Arbeiten der Serie „Verdeutscht“.  Hat sie zuvor in erster Linie ihre Fotografien am Computer nachbearbeitet, so sind die aktuellen Arbeiten gänzlich als Fotomontage einzelner fotografischer Elemente am Computer generiert worden. Die Verdichtung und „Verwirklichung“ eines Phänomens im Bild mittels  Fotomontage bzw. nachträglicher Bildbearbeitung ist seit Dadaismus und Surrealistischer Fotografie der 1920er Jahre ein weit verbreitetes künstlerisches Werkzeug – immer gewesen und bei Patricia Linckes Arbeiten subtiler und eigenständiger als je zuvor.

 

Fiona Seidler, Kunstwissenschaftlerin, 2010